Fremd
Friedman – Brasch – Popov, Rilling

Michel Friedman, Rechtsanwalt, Publizist und zwischenzeitlich Vorstandsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, hat eine aufsehenerregende Autobiografie geschrieben – nach eigener Aussage „ein Buch über das Fremdsein … das äußere und das innere.“ Es sei „allen Menschen gewidmet, die irgendwo im Nirgendwo leben“. Die für das Gorki Theater entstandene Inszenierung spürt poetisch und musikalisch den Stationen einer Kindheit im Nachkriegsdeutschland nach. „,Fremd‘ ist wortgewaltig, verstörend an einigen Stellen, emotional packend und in einer seltenen Verbindung zugleich eine Mischung von Poesie und präziser Beschreibung der Wirklichkeit.“ (3sat)

Fremd

von Michel Friedman 

Mit Vidina Popov 

Live-Musik Rahel Rilling 

Regie Lena Brasch Bühne Studio Dietrich & Winter Kostüme Tassilo Rüster 

Künstlerische Mitarbeit Mira Gebhardt Gesangscoach Turan von Arnim Sprechcoaching Caroline Scholz Ott Lichtdesign Daniel Krawietz Dramaturgie Murat Dikenci Fotos © Ute Langkafel MAIFOTO


Premiere am 23. Februar 2024 im Gorki R (im Rahmen der Reihe „FЯEMDE POESIE?“)

Aufführungsrechte: Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin

"Fremd" (Kapitel 1)

von Michel Friedman


Ich bin auf einem Friedhof geboren.

Schmerz,

der keinen Anfang kennt,

der kein Ende kennt.

Manchmal leise,

manchmal laut.

Manchmal versteckt er sich.

Launisch ist er,

hungrig ist er,

hinterhältig.

Meine Mutter,

mein Vater,

meine Großmutter:

Über-Lebende.

Trauernde.

Traurige.

Lebenstraurige.

Ich war ihr Lächeln.

Lächelnde Traurigkeit.

Wie bringe ich euch zum Lächeln? 

Wie bringe ich euch zum Lachen?

Wie bringe ich euch Glück?

Zum Leben?

Gescheitert.

In der Regel:

gescheitert.

Ein Kind sollte das nicht sollen,

sollte das nicht müssen,

sollte das nicht wollen.

Sollte von seinen Eltern

zum Glück getragen werden.

Ging nicht,

Pech gehabt.

Wie so viele,

deren Elternwelt gerissen,

zerrissen,

gestört,

verstört,

zerstört ist.

Verfolgte,

Geflüchtete,

Arme,

Kranke,

die ihre Kinder vergessen,

die ihre Kinder zum Überleben brauchen,

die vergessen,

dass Kinder noch nicht wissen können,

dass die Traurigkeit eines Lebens

eine Ewigkeit andauern kann.




Pressestimmen

Ein konzentrierter, kleiner Abend, den Regisseurin Lena Brasch mit der Gorki-Schauspielerin Vidina Popov und der Violinistin Rahel Rilling für die neue Reihe „Fremde Poesie?“ der dortigen Studio-Bühne eingerichtet hat. Kaum ein Haus hat sich so sehr den Themen Fremdheit, Desintegration, Verlorenheit und Traumata verschrieben wie das Gorki von Shermin Langhoff. Deshalb passt diese Sachbuch-Adaption tatsächlich hervorragend zum Markenkern und dem Repertoire.

Das Solo mit musikalischer Begleitung ist ein minimalistisches Stück auf fast leerer Bühne bei gedimmtem Licht und in Moll. Mit einem Gesangscoach hat Popov an den Klagegesängen gearbeitet, die diese Aufführung leitmotivisch begleiten. Der Text folgt den Erinnerungen von Friedman, der als Kind von Holocaustüberlebenden erst in Paris, dann in der Bundesrepublik aufwuchs. In den bittersten Momenten reflektiert „Fremd“ über die „Nie wieder“-Sonntagsreden, wirft der Mehrheitsgesellschaft Heuchelei vor. Mit Trauer und Wut klingt diese kurze Performance aus.

Das Kulturblog


„Fremd“ von Michel Friedman erschafft etwas Einzigartiges. In diesem Buch leuchtet die Dunkelheit, und unerwarteterweise entdeckt man einen anderen in den Schatten, einen Fremden im eigenen Haus, bis die Umrisse schärfer werden und man irgendwann sieht: Das bin ja ich.

Süddeutsche Zeitung


„Fremd“ ist wortgewaltig, verstörend an einigen Stellen, emotional packend und in einer seltenen Verbindung zugleich eine Mischung von Poesie und präziser Beschreibung der Wirklichkeit. Ein beeindruckendes Buch, das keiner schnell vergessen wird, der es gelesen hat.

3sat (Buchzeit)

Kurzbiografien