Don Quijote
Jordan, Cervantes – Jordan, Koppelmann – Stockhaus, Reiß, Geiße

Die Sonne brennt, das Pferd hat Hunger, Sancho ist müde – und Don Quijote dreht am Rad. Er fuchtelt gegen Windmühlen, legt sich mit vermeintlichen Barbaren an und will doch nur das einzig Gute und Beste, für sich, seine Geliebte – und obendrein die ganze Welt, wenn er leicht größenwahnsinnig herausposaunt: »Ich werde endlich aus dem Schatten der Weltgeschichte treten und in sie eingehen als wahrer Märtyrer.«
Ist er verrückt, wagemutig oder einfach nur komisch? Welche Sehnsucht treibt ihn an, diesen Don Quijote, von dem alle ein Bild zu haben scheinen, aber niemand wirklich eine Ahnung, was er für einer ist. Warum hat er die Windmühlen angegriffen? Und was soll das eigentlich heißen: einfach komisch? ,

»Ich verliere wirklich den Verstand! Alles was ich vorgab zu sein, werde ich wirklich!«, sagt er in Peter Jordans Bearbeitung. Eine Steilvorlage für das Spiel, das Theater – und den Witz. Diesen treibt die sehr freie Überschreibung auf die Spitze. Sie setzt auf schauspielerischen Turbogang, Timing, Slapstick und eine gute Portion von sehnsüchtigem Wahn. Eine Mischung, die darauf aus ist zu zeigen, wie lustvoll Theater sein kann, wenn man die Sache mit dem Humor ernst nimmt.


Don Quijote

von Peter Jordan, frei nach Cervantes / Uraufführung

Schauspiel Frankfurt / Weiterspielen


Mit 

Holger Stockhaus (Don Quijote)

Sebastian Reiß (Sancho Panza / Grauohr / König Philipp)

Christina Geiße (Rosinante / Beamter des Königs / Ritter / Dulcinea)

Regie Peter Jordan, Leonhard Koppelmann Bühne Stefanie Bruhn Kostüme Barbara Aigner Video Meike Fehre Dramaturgie Katrin Spira Licht Marcel Heyde Fotos © Thomas Aurin


Uraufführung 14. März 2025 am Schauspiel Frankfurt (Schauspielhaus)

Aufführungsdauer 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Aufführungsrechte Rowohlt Theater Verlag, Hamburg

Danke für nichts

von Sibylle Berg (2020)

Der erste Schock ist vorüber. Der Ausnahmezustand fast vorbei, der uns alle gelähmt hat. Uns mit glasigen Augen Gespräche mit unserer Hand hat führen lassen. Uns gezeigt hat, wie einfach es ist, all unsere gefühlte Wichtigkeit zu zermalmen. Zu unserem Besten. Die Zeit, die viele auch träumen lies. Von einer After-Corona Zeit voller glücklicher, diverser Radfahrender auf mautfreiem Asphalt.

Der Ausnahmezustand fast vorbei. Naja. Oder er wird uns von nun an für immer begleiten. Und nun ist die überraschende Neuigkeit: Die Menschheit macht weiter wie immer, nur in noch widerwärtiger.

Menschen, die dem Alter näher sind als der Jugend, wissen jetzt um ihren Wert in der schönen neuen neoliberalen Welt. Den gibt es nach meinem Erkenntnisstand nicht. Sprach man von Selektion, schrieben jüngere Menschen sofort Triage. Triage heißt das, und ist ein übliches Verfahren. Ja klar. Jeder der weiß wie Krankenkassen funktionieren, weiß um die Aufwand-Nutzen-Kosten-Berechnung, die unterdessen von unserem Freund der KI ausgeführt wird. Doch dass es im Kriegsfall, als der die Pandemie immer bezeichnet wurde, so offensichtlich wird, dass sterben kann, wer nicht mehr genug Nutzen verspricht, ist neu. Und dass die faschistische Berechnung von Lebenswert und Lebensunwert ohne großen Aufschrei der folgsamen Bevölkerungen propagiert wurde, ist ein triumphaler Sieg des neoliberalen Verwertbarkeitsgedankens. Selbst in der 3sat-Kulturzeit, die in einer vorherigen Sendung noch vor der neuen Akzeptanz von Brutalität und in Kauf genommener Euthanasie warnte, klang das plötzlich anders. Nun nach diesem Testlauf in Sachen Katastrophenbewältigung ist es keinem Menschen über 60 vorzuwerfen, dass er*sie Steuern hinterzieht, die Umwelt ruiniert, denn sie haben gelernt: They don’t give a fuck. Überleben wirst du nicht durch die Nachbar*innen, die eventuell für dich einkaufen, sondern nur mit Geld. Apropos Geld. Die beklatschten Pflegekräfte bekommen nicht das Doppelte oder Dreifache an Lohn, denn wir müssen jetzt erst einmal an die Autos denken. Und natürlich an die Wirtschaft. Die wird jetzt also wieder hochgefahren, mit dem Geld der Bürger, ohne Sinn und Verstand, die alten Industrien ohne Auflagen, also. Keine Verbannung von Benzinautos aus den Städten, statt derer elegante Elektrobusse kostenfrei rumkurven, sondern Prämien für den Autokauf. Alles wie gehabt. Die deutschen und schweizer Milliardärs-Familien hamstern weiter, buddeln an Cayman-Geld-Verstecken und herzlich willkommen in der Welt des neoliberalen Schwachsinns. In der Schweiz wird vermutlich die Swiss, also die Airline, die wie fast alle anderen Unternehmen in Steueroasen agiert, ohne alle ökologischen Auflagen gerettet. Dafür gibt es Entlassungen. So what. Die Märkte werden es richten. Warum sollten sich Unternehmen, die Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten, auch genieren, Steuergelder der Bevölkerungen einzusacken. Die es ja auch hätten schaffen können, Aktien zu erwerben. Also zum Beispiel, wenn sie als Pflegende arbeiten und den CEOs das Leben retten, die ihnen röchelnd einige gute Anlagetipps geben. Die Regierung hat mehr oder weniger einmal wieder Wort gehalten, also das Wort, das es nicht gibt. Den Ernstfall geprobt. Und siehe: es funktioniert. Das Militär steht parat, um Unruhen zu verhindern, Menschen in Panik sind super zu lenken, Menschen mit existentiellen Problemen tun alles, um schnell zu einem bräsigen Status Quo zurückzukehren. Versprich ihnen Fußball und Baumarkt, und schon wackeln sie glücklich lächelnd ins Morgenrot, über die Leichen der Schwachen. Auch eine gute Übung. Verzichtbar für die seligmachende Welt der Konsumentenfreiheit sind finanziell Schwache. Alte, Frauen, körperlich-geistig Beeinträchtigte, Obdachlose, Flüchtende. Aus dem Weg – da vorne ist der Baumarkt.


Pressestimmen

Sein Tun sei eine Metapher, sagt Quijote, im Übrigen sei nur der Irre frei: Stoff genug also zum Nachdenken über Motiv, Anspruch und Tragik jener, die sich aufmachen, die Welt zu verändern. […] Derselbe Dialog in Endlosschleife, gesteigert nur in Tempo und Lautstärke, liegt minutenlang über den Zuschauern, und wenn es einmal heißt, „das überspringen wir“, setzen Quijote und Sancho das sofort in die entsprechende Aktivität um, glückliches Lächeln inklusive. Das hat, besonders durch die vorzüglichen Schauspieler, seinen Reiz, […]

FAZ


Holger Stockhaus überdreht derart lustvoll, variantenreich und raffiniert all die Hirngespinste seines Don Quijote, dass im ausverkauften Schauspielhaus am Willy-Brandt-Platz akute Suchtgefahr besteht. […] Auch die beiden Ensemblemitglieder Christina Geiße, neben anderen Figuren vorwiegend als „treues, altes Klappergehuf“ Rosinante unterwegs, und Sebastian Reiß, meist in der Rolle des gutmütigen Freundes und Analphabeten Sancho Panza, punkten mit Erzkomödiantentum und Wandlungsfähigkeit.

Frankfurter Neue Presse


Don Quijote ist bei Peter Jordan und Leonhard Koppelmann ein entfesselter Freiheitskämpfer, ein Anti-Mephisto, ein Clown, ein Tyrann aus Tugendhaftigkeit. In der Titelrolle: Erzkomiker Holger Stockhaus.

nachtkritik


Mit Leonhard Koppelmann haucht Jordan der tragisch-komischen Figur Don Quijote in einer witzig-spritzigen Inszenierung, die manchmal zum Quietschen albern ist, aber niemals unernst, neues Leben ein. Und macht aus Don Quijote ein Abziehbild eines Aktivisten. Das Regie-Duo verlässt sich da-bei zum einen auf die hervorragende literarische Grundlage des Cervantes, übersetzt sie in lässiges Neudeutsch mit vielen Anspielungen, Zitaten quer durch die Literatur- und Theatergeschichte und erschafft damit einen verjüngtes Ritter-Abenteuer 2.0. Er stützt sich aber auch auf seine drei hervorragenden Protagonisten. […] Die drei wackeren Kämpfer für - ja, für was eigentlich: das Gute vielleicht? - schlüpfen nebenbei auch noch in andere Rollen, die der Dulcinea etwa, oder die des König Philipp, und sorgen für eineinhalb vergnügliche Stunden Kurzweil. […] Die Bühne von Stefanie Bruhn kommt recht einfach, aber wirkungsvoll daher. […] Die Kostüme von Barbara Aigner sind herrlich verspielt von der Sonnenkönigperücke über die glanzlederne Pferdebekleidung bis hin zur ritterlichen Rüstung. Jordans freie Bearbeitung des Cervantes-Stoffes regt trotz aller Komik zum Nachdenken an. In Zeiten, in denen manchmal Hopfen und Malz und der letzte Rest der Menschlichkeit verloren scheint und man schon gar nicht mehr weiß, wofür man nun zuerst kämpfen sollte, ist ein Don Quijote in seiner ganzen Verrücktheit irgendwie die letzte Instanz der Vernunft.

Main-Echo

Kurzbiografien

Anastasia Gubareva wurde 1982 in Moskau geboren und absolvierte ihre Ausbildung an der Folkwang-Hochschule Essen. Während ihres Studiums spielte sie am Schauspiel Essen in Produktionen wie „Fucking Amal“ oder „Der Held der westlichen Welt“. Seit 2009 war Anastasia Gubareva am Theater Bonn engagiert, zu sehen unter anderem in „Der Kirschgarten“, „Der zerbrochene Krug“, „Hamlet“ und „Die Ratten“. 2011 wird Anastasia Gubareva mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnern und Künstler ausgezeichnet. 2013 bis 2022 war sie festes Mitglied des Gorki-Ensembles. Dort war sie zu sehen beispielsweise in „Muttersprache Mameloschn“, „Berlin Oranienplatz“, „Slippery Slope“ in Regie von Yael Ronen (eingeladen zum Theatertreffen 2022), „Die Nacht von Lissabon“ in der Regie Hakan Savaş Mican, sowie in der Spielzeit 2025/26 in Hakan Savaş Micans Stück „Berlin Karl-Marx-Platz“ und Lena Braschs Inszenierung „East Side Story – A German Jewsical“. 


Svenja Liesau wurde 1989 in Magdeburg geboren und beendete 2013 ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Schon vor ihrem Studium war sie in ersten Engagements am Theater Magdeburg zu sehen, wo sie u.a. mit Jan Jochymski zusammenarbeitete. Schon 2013 wirkte sie am Maxim Gorki Theater, damals in Inszenierungen von Armin Petras und Jan Bosse. Von 2013 bis 2017 war sie Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart. Von der Spielzeit 2017 bis 2022 war Svenja Liesau wieder festes Ensemblemitglied am Gorki. Dort arbeitete sie unter anderem mit den Regisseur*innen Yael Ronen, Sebastian Nübling, Christian Weise und Leonie Böhm zusammen. Seit der Spielzeit 2023/24 ist Svenja Liesau Mitglied im Ensemble des Deutschen Theaters Berlin, zu sehen etwa in „Der Menschenfeind“ und „Die drei Leben der Hannah Arendt“.


Vidina Popov, 1992 in Wien geboren, studiert nach ersten Bühnenerfahrungen am Wiener Volkstheater, von 2012 bis 2016 Schauspiel am Mozarteum in Salzburg. 2013 schreibt sie das Monolog-Stück „Ich bin Bulgare?!“, welches sie seitdem in zahlreichen Gastspielen präsentierte. Mit ihrem Jahrgang erhält sie beim Schauspielschultreffen 2015 den Ensemblepreis. Nach ihrem Studium besucht sie die Clownschule Philippe Gaulier in Paris. 2016/17 war sie Ensemblemitglied am Landestheater Niederösterreich. Zudem ist sie regelmäßig für Film und Fernsehen tätig: unter anderem neben Jürgen Tarrach in der weibliche Hauptrolle der ARD-Reihe „Der Lissabon Krimi“, „Das letzte Problem“ in der Regie von Karl Markovics, „Tatort Borowski“ in der Regie von Nicole Wegmann. Von 2018 bis 2024 war Vidina Popov festes Mitglied im Gorki-Ensemble. Dort arbeitete sie unter anderem mit den Regisseur*innen Sebastian Nübling, Yael Ronen, Marta Gornicka und Oliver Frljić und Lena Brasch zusammen. In der Kritiker*innenumfrage von Theater heute wurde sie mehrfach als beste Nachwuchsschauspielerin nominiert: für ihre Rollen in „Alles Schwindel“, „Und sicher ist mir die Welt verschwunden“ und „Slippery Slope“. 2023 erhielt sie den renommierten Gordana Kosanović-Schauspielerpreis.


Katja Riemann gehört seit dem Erfolg von „Abgeschminkt“ (1993), „Der bewegte Mann“ (1994) und „Stadtgespräch“ (1995) zu den wichtigsten deutschen Schauspielerinnen. Sie studierte an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und an der Otto-Falckenberg-Schule München. Ihre Theaterlaufbahn begann 1987 als Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele und setzte sich am Schillertheater Berlin fort. Katja Riemann ist nach wie vor auch auf der Bühne zu Hause, „Hedda Gabler“, „Anna Karenina“ und „Drei Schwestern“ (alle von Amina Gusner inszeniert) sind die bekanntesten Inszenierungen der letzten Zeit.

Zu Katja Riemanns wichtigsten Fernseh- und Kinoproduktionen gehören „Ausgerechnet Sibirien“ (Regie: Ralf Huettner, 2012), „Die Fahnderin“ (Regie: Züli Aladağ, 2014), „Die Abhandene Welt“ (Regie: Margarethe von Trotta, 2015), die Verfilmung von Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ (Regie: Laura Lackmann, 2016), „Der Andere – Eine Familiengeschichte“ (Regie: Feo Aladağ, 2016) sowie „Goliath 96“ (Regie: Marcus Richardt, 2019). Enfant Terrible (Regie Oskar Roehler, über Rainer Werner Fassbinder, 2020). Außerdem ist Katja Riemann als Musikerin sowie als Hörspielautorin und -produzentin aktiv. 2010 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. 

Am Gorki Theater Berlin spielte Katja Riemann außer in „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“ auch in „Linkerhand“ in der Regie von Sebastian Baumgarten. Zuletzt war sie auf der Bühne zu sehen am Schauspiel Hannover („Ein wenig Licht. Und diese Ruhe.“, Regie Lena Brasch) sowie in „DI•VI•SI•ON“ am Renaissance Theater Berlin.

2024 und 2025 veröffentlichte sie die Bücher "Nebel und Feuer" und "Zeit der Zäune: Orte der Flucht".